Frühe Besiedlung
Erste Siedlungen an der Nordküste Melanors
Die Küste, an der sie anlandeten, war flach und breit, von brechenden Wellen umspült, die in langen Zügen über dunklen Sand und von Muscheln durchsetzte Ufer rollten. Der Himmel war klar in jenen Tagen, das Wasser reich an Fischen, und der Wind trug den Duft salziger Gischt und zarter Blüten aus dem Hinterland. Dies war die Nordwestküste Melanors, in einer Zeit, als sie noch keinen Namen trug, keine Karten sie verzeichneten und kein Banner über ihren Hügeln wehte.
Die ersten Boote, die sich im Jahr 10 vor Ardain der Küste näherten, waren aus dunklem Calendorholz gefertigt. Flachbodige Boote, geeignet für Flüsse, aber gewagt genug für eine Überfahrt unter günstigen Bedingungen. Ihre Besatzung bestand aus etwa dreißig Männern, Frauen und Kindern, einfachen Menschen, die nicht aus Machtgier oder Abenteuerlust, sondern aus Hunger, Hoffnung und dem Wunsch nach einem eigenen Stück Land aufgebrochen waren. Sie gehörten nicht zur Spitze des aufstrebenden Reiches, sondern zur Basis, zu jenen, die das künftige Londaria mit ihren Händen und Rücken errichten sollten.
Geführt wurde die kleine Gruppe von einem Mann namens Halric Steinfeld, einem ehemaligen Landvermesser aus den östlichen Ausläufern Calendors. Mit ruhiger Stimme und scharfem Blick hatte er in der Siedlungsversammlung in Ebenport die Worte gesprochen, die viele andere dachten, aber nicht wagten auszusprechen: »Wenn für uns in Calendor kein Platz mehr ist, so soll es jenseits der See ein neues Zuhause geben.« Drei Wochen später standen die Familien am Ufer und beluden die Boote. Es war keine organisierte Expedition, sondern ein Aufbruch ohne Gewissheit, gestützt nur auf Gerüchte und alte Karten, die eine Insel jenseits des östlichen Horizonts zeigten.
Als sie schließlich landeten, wählten sie eine Bucht, die sich in einem langen Bogen zwischen zwei niedrigen Klippen erstreckte. Dahinter begannen sanfte Hügel, bewachsen mit niedrigen Zypressen, Dornsträuchern und vereinzelten Olivenbäumen. Kleine Süßwasserläufe wanden sich aus dem Inneren der Insel zur Küste hin. Tiere gab es reichlich: Vögel, Wildschweine, Hirsche, Hasen. In den nahen Tümpeln quakten Frösche, und zwischen den Felsen am Ufer lagen Krabben und Schnecken, als warteten sie nur darauf, gesammelt zu werden.
Die ersten Unterkünfte waren Zelte aus Segeltuch, später einfache Hütten aus Treibholz und getrocknetem Schilf. In den folgenden Wochen begannen sie, das Land zu erkunden. Halric und ein kleiner Trupp wagten sich weiter ins Hinterland und kehrten mit Berichten von fruchtbarem Boden, sonnigen Ebenen und zahlreichen Bächen zurück. Sie fanden keine Spuren anderer Menschen, keine Ruinen, keine Hütten, kein Rauch in der Ferne. Die Insel wirkte unberührt.
Im dritten Monat nach ihrer Ankunft wurde mit dem Bau eines dauerhaften Gebäudes begonnen. Es war ein langer, flacher Speicher aus Flusssteinen, mit einem Dach aus geflochtenem Holz und Lehm. Hier lagerten sie Fisch, gepökeltes Fleisch, gesammelte Kräuter und erste Garben wild wachsenden Getreides. Die Ältesten nannten ihn den »Steinernen Rücken« – der Name sollte später auf das erste befestigte Haus am Ort übergehen, aus dem ein generationenübergreifendes Lagerhaus wurde. Heute steht an derselben Stelle der zentrale Verwaltungssitz des Marktes von Korallhafen.
Bereits im ersten Winter entdeckten sie die Mündung eines größeren Flusses, den sie Lendrath tauften. Er wurde zur Lebensader der jungen Siedlung, denn seine Quellen blieben auch in der trockenen Jahreszeit nicht versiegt. Entlang seiner Ufer entstanden bald Felder, eingezäunt mit einfachen Pfählen. Die Menschen begannen, wilden Dinkel und Emmer zu züchten, später auch Linsen und Gartenbohnen. Ziegen und Hühner wurden aus Calendor eingeführt, einige hatten überlebt und wurden jetzt mit großem Eifer vermehrt.
Doch der Aufbau war nicht frei von Rückschlägen. Mehrere Male in den ersten Jahren kam es zu unheimlichen Begegnungen mit Gestalten aus den südlichen Hügeln. In einer Nacht, als dichter Nebel vom Meer her aufzog, wurde eines der Zeltlager durch eine Gruppe kleiner, aber gewandter Wesen überfallen. Sie schlichen sich lautlos heran, stahlen Proviant und verletzten einen schlafenden Fischer schwer mit einem Dolch aus schwarzem Stein. Halric ordnete daraufhin Patrouillen an und ließ Signalfeuer auf den Klippen errichten.
Später, viel später, erkannte man diese Wesen als Vorläufer der goblinischen Kundschafter, die sich zeitgleich mit anderen Gruppen aus Ardains Heer im Süden Melanors niederließen. Doch damals wussten die Siedler noch nichts von den Bewegungen der Orks, Kobolde und Goblins, die – ebenfalls auf der Suche nach einem eigenen Reich – den Drachenrücken für sich beanspruchen wollten.
Im Laufe von drei Jahren wuchs die Siedlung langsam, aber stetig. Aus zwei Dutzend wurden sieben Dutzend, denn immer neue Boote erreichten die Küste, angezogen durch Gerüchte von fruchtbarem Land und freien Ufern. Eine Kapelle wurde errichtet, dem Gott der Heimkehr geweiht, und ein kleiner Versammlungsplatz entstand zwischen drei alten Zypressen, die noch heute den Rand des Korallenplatzes markieren.
Im vierten Jahr ihrer Ankunft, noch vor der offiziellen Anerkennung Melanors durch die Krone, wurde ein erster Handelsversuch unternommen. Ein Boot wurde mit getrocknetem Fisch, Meersalz und einer Kiste mit geschnittenen Zypressenzweigen beladen, in der Hoffnung, sie würden in Ebenport als Duftkräuter oder medizinische Zutaten anerkannt. Der Handel war bescheiden, aber er begründete die erste Handelsroute Melanors.
Die ersten Siedler lebten hart, arbeiteten zäh und litten in Stille. Doch sie begründeten eine neue Ordnung, eine Lebensweise, die sich an das Land anpasste, es achtete und nutzte. Die Flachbauten aus Korallenstein und Holz, die sie später errichteten, wurden zum architektonischen Grundmuster der späteren Stadt Korallhafen.
Wenn heute ein Kind aus Melanor fragt, wo alles begann, wird man ihm die Geschichte von Halric Steinfeld und den Booten erzählen, die an einer namenlosen Küste landeten. Und vielleicht wird man dabei auf den alten, verwitterten Stein zeigen, der heute noch auf dem Platz vor dem Großen Hafen steht, mit einer eingeritzten Jahreszahl: »10 v. A. – Hier begann unser Land.«
Abspaltung der Orks, Goblins und Kobolde – Siedlung am Drachenrücken
Die Entscheidung fiel nicht in einer Schlacht, nicht auf einem Thron und nicht im Streit. Sie fiel am Rande eines Lagerfeuers, in einer jener langen Nächte, in denen die Hoffnung auf ein geeintes Reich zwar gesprochen, aber nicht geglaubt wurde. In der weiten Ebene südlich von Calendor, wo Ardains Heer sich sammelte, lagerten neben Menschen auch andere Völker: Orks mit schwerem Atem und gebrochenem Stolz, Goblins mit schnellen Fingern und klugen Blicken, Kobolde mit einer Neigung zur List und zu Feuer. Sie waren keine Sklaven, keine Besiegten, keine Bündnispartner im klassischen Sinne – sie waren Mitreisende, gezwungene Brüder in einer Zeit des Umbruchs.
Sie hatten mitgebaut, als Ardain seine Straßen pflastern ließ, und mitgekämpft, als feindliche Clans sich seiner Ordnung widersetzten. Doch als seine Banner sich erhoben und der Ruf nach Treue, Ordnung und Pflicht ertönte, regte sich Widerstand. Nicht laut, nicht offen – aber tief. Für viele unter ihnen war ein geeintes Londaria ein Reich der Menschen, unter menschlichem Gesetz, mit menschlichem Maß. Ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Götter, selbst ihre Art zu kämpfen und zu leben, fanden darin keinen Platz.
Ein Mann namens Gralmak Blutrufer, ein orkischer Kriegsherr von klarem Verstand und brennendem Stolz, war der erste, der das Lager verließ. Ihm folgten etwa zweihundert Orks, sechzig Goblins, ein Dutzend Kobolde und zu aller Überraschung auch eine kleine Schar von Menschen – Söldner und Ausgestoßene –, die Ardains Ordnung ebenso misstrauten. Sie segelten in einfachen Booten entlang der Südgrenze Calendors, folgten den Küstenlinien und fanden schließlich ein wildes, unerschlossenes Land: die südlichen Höhen von Melanor.
Der Ort, den sie wählten, war anders als die fruchtbaren Ebenen im Norden. Es war ein raues Land aus schwarzem Stein, dampfenden Spalten und schwefelgelben Teichen. Der Drachenrücken, wie er später genannt wurde, war eine Kette aus vulkanischen Kegeln, Felsen, Hohlräumen und Aschehügeln. Die Erde bebte oft, und der Boden war warm unter den Füßen. Doch Gralmak erkannte den Wert: Die Berge boten Schutz, die Höhlen Raum, die Quellen Leben. Und kein anderer hatte Anspruch auf diesen Ort erhoben.
Innerhalb weniger Wochen entstanden erste Lager: Zelte aus Tierhäuten, verstärkt durch Steinmauern und mit Pfählen aus vulkanischem Holz. Die Goblins errichteten Gruben und Werkstätten, gruben Schächte in die Hügel, fanden glänzende Metalle und schimmernde Steine. Die Kobolde begannen, mit Feuer zu arbeiten, entwickelten einfache Sprengsätze, lernten die Schwefeladern zu nutzen. Es war ein wildes, chaotisches, aber funktionierendes Nebeneinander.
Gralmak gründete einen Rat, in dem nicht nur Orks, sondern auch Goblins und Menschen vertreten waren. Er nannte das neue Bündnis den »Aschepakt«. Ihr Ziel war kein Reich der Eroberung, sondern eines des Rückzugs, des eigenen Weges. Sie wollten nicht gegen Ardain marschieren, sondern sich dem Zugriff seiner Ordnung entziehen. In den Grotten der südlichen Hänge malten sie ihre eigenen Geschichten an die Wände: Bilder von Flucht, Aufbruch, Feuer und Blut. Sie ehrten ihre Ahnen, wie sie es schon immer getan hatten, und riefen neue Götter aus der Tiefe.
Doch nicht alle blieben friedlich. Es gab junge Orks, die sich nach Ehre sehnten, nach Beutezügen, nach Kampf. Es gab Goblins, die begannen, Menschendörfer auszuspionieren. Vor allem aber wuchs die Bevölkerung schneller als gedacht. Das Land nährte sie, aber nicht gleichmäßig. Bald begann der Hunger, und mit dem Hunger kam der Blick nach Norden, zu den fruchtbaren Ebenen, zu den Getreidefeldern der ersten menschlichen Siedlungen.
Die ersten Zusammenstöße kamen nicht aus Befehl, sondern aus Not. Ein Trupp Goblins überfiel eine Karawane, die Fisch und Salz nach Lirasfeld brachte. Ein Dutzend Menschen starb, die Täter flohen in die Hügel. Die Antwort war schnell: Drei Dörfer schlossen sich zusammen, bildeten einen bewaffneten Trupp und drangen in ein Tal nahe des Ascheplateaus ein. Sie zerstörten Lager und nahmen Gefangene. Gralmak war wütend – nicht über den Verlust, sondern darüber, dass sein Bündnis die Kontrolle verlor.
Er rief den Rat ein und ließ einen Kodex verkünden: Keine Angriffe ohne Zustimmung, keine Plünderung von Siedlungen mit Namen. Doch seine Macht war begrenzt. Die Kobolde lachten über die Regeln, die Goblins ignorierten sie. Und unter den Orks gab es Stimmen, die ihm Schwäche vorwarfen.
Noch im selben Jahr schickte Ardain, dessen Späher von der Entwicklung erfahren hatten, einen Boten nach Melanor. Er trug keine Drohung, sondern ein Angebot: Aufnahme in die Ordnung, Gleichstellung unter dem Gesetz, siedelbare Gebiete im Süden. Gralmak ließ ihn vor den Rat treten, hörte ihm schweigend zu und sagte dann: »Die Ordnung eines Mannes ist das Gefängnis eines anderen. Wir bauen kein Reich unter seinem Banner.«
Der Bote kehrte nie zurück.
So begann eine Zeit des Misstrauens. Zwischen den Hügeln des Drachenrückens und den Ebenen Melanors entstand eine unsichtbare Grenze. Keine Mauer, kein Zaun, aber eine Linie, die keiner übertrat, ohne den anderen zu fürchten. Späher wurden ausgeschickt, Wachtürme errichtet. Die Menschen nannten den Süden »die brennenden Hügel«, die Orks sprachen von den »kalten Feldern«.
Gralmak überlebte diese ersten Jahre, doch sein Einfluss schwand. Die Nachfolger, besonders unter den jungen Orks, strebten nach mehr. Die Goblins begannen, tiefer in den Stein zu graben. Die Kobolde errichteten geheime Werkstätten in den Felswänden. Und der erste Drache – ein alter, geschuppter Wyrm mit zerfressenen Flügeln – wurde tief im Fels entdeckt, schlafend, reglos, aber mit leuchtenden Augen.
Die Legenden sprechen davon, dass sein Atem den Boden unter ihnen formte, dass er nicht tot, sondern träumend war. Ob dies wahr ist oder nicht, war damals unklar. Doch der Glaube daran vereinte die zersplitterten Völker des Südens stärker als jeder Rat.
Mit dem Jahr 6 v. A. begann die Spaltung Melanors in zwei Welten: Die eine, geprägt von geordnetem Aufbau, Handel und Landwirtschaft. Die andere, wild, ungezähmt, getragen von alter Kraft und neuer Wut.
Ein Land, zwei Wege. Voneinander getrennt durch Felsen, Feuer und jahrhundertelang schwelenden Hass.
Konflikte um Wasser und Jagdgebiete
Drei Jahre waren vergangen, seit Orks, Goblins und Kobolde sich am Drachenrücken niedergelassen hatten. Die Menschen im Norden Melanors hatten in dieser Zeit begonnen, aus einzelnen Lagern beständige Dörfer zu formen. Die ersten Felder waren geebnet, Getreide wuchs auf den goldenen Ebenen, und Fischernetze hingen zwischen Pfählen am Ufer zum Trocknen in der Sonne. Holzstege verbanden einfache Wohnhütten, und auf den Marktplätzen roch es nach frischem Brot, Ziegenkäse und Olivenöl.
Doch was im Norden gedeihte, wurde im Süden zu Mangel. Der Boden in den Ausläufern des Drachenrückens war steinig, trocken, heiß. Zwar spendeten einige Quellen in tiefen Höhlen und Tälern den Clans der Orks und Goblins Wasser, doch sie reichten nicht aus, um die stetig wachsende Bevölkerung zu versorgen. Noch schwerer wog, dass Wild zunehmend rar wurde. Die ersten Jagdgebiete waren übernutzt. Die Tiere flohen oder starben, und bald schon reichten Ziegen und geräucherte Eidechsen nicht mehr aus, um alle Münder zu füllen.
Die Augen der Südvölker richteten sich daher verstärkt nach Norden, zu den weiten, fruchtbaren Übergangsregionen zwischen Hügeln und Ebene. Dort gab es noch reichlich Wild: Hirsche, Wildschweine, sogar Auerhähne. Auch kleinere, klare Wasserläufe entsprangen dem Hügelland und schlängelten sich gen Norden. Diese Quellen wurden schnell zu Zankäpfeln.
Die Menschen betrachteten sie als ihr Eigentum, denn sie hatten sie erschlossen, Brücken darüber gebaut, Mühlen errichtet und Felder daneben angelegt. Für sie war das Wasser Grundlage ihres Lebens und Ertrags. Doch aus Sicht der orkischen Clans waren diese Quellen von niemandem beansprucht worden, als sie die Insel betraten. Sie sahen keine Grenzen auf den Steinen, keine Schilder an den Ufern, keine Verträge. Was fließt, gehört allen – so lautete eine alte Regel unter den Stämmen. Und so begannen die ersten, sich das zu nehmen, was sie für rechtmäßig hielten.
Zunächst geschah es heimlich. Kleine Goblinbanden schlichen sich nachts an die Bäche und zapften Wasser ab. Einige gruben verdeckte Kanäle, um das Nass in Richtung ihrer Lager umzuleiten. Orkische Jäger jagten in den Waldstreifen jenseits der Hügelkämme, töteten Hirsche, schnitten das Fleisch ab und ließen den Rest liegen. Als die ersten menschlichen Jäger auf frisch ausgeweidete Kadaver stießen, mit Speerspitzen aus schwarzem Basalt darin, wussten sie, dass sie nicht allein waren.
Was folgte, war kein offener Krieg, sondern ein zäher, schwelender Grenzkonflikt, der sich über Wochen und Monate zog. Die Menschen begannen, ihre Brunnen zu bewachen. Jäger gingen nicht mehr allein, sondern in Gruppen. Weiden wurden mit Wachtürmen geschützt, und jede Sichtung eines fremden Wesens im Unterholz führte zu Alarm.
Im Dorf Tanmir, einem kleinen Ort nahe der Grenze zum Süden, wurde ein solches Alarmzeichen erfunden: drei schnelle Hornstöße, gefolgt von einem langen. Es bedeutete: »Fremde Jäger im Revier.« Dieses Signal sollte über Jahrzehnte in Melanor verwendet werden, selbst lange nachdem Tanmir zu einer befestigten Grenzsiedlung geworden war.
Auf Seiten der Südvölker versuchte Gralmak Blutrufer, der Anführer des Aschepakts, die Übergriffe einzudämmen. Er ließ Späher zurückrufen, stellte Bewacher an den Grenzhöhlen auf und verkündete vor seinem Rat: »Jeder Pfeil, der jenseits des Schwarzen Wassergrases gefunden wird, bringt uns dem Krieg näher.« Doch seine Worte verhallten. Zu hungrig waren viele der Clans. Zu groß der Zorn auf die reichen Felder im Norden.
Ein Vorfall im Spätherbst jenes Jahres brachte den Konflikt zum Überkochen: Eine Gruppe junger Goblins überfiel bei Sonnenuntergang einen Maultiertross, der auf dem Rückweg von Tereth nach Lirasfeld war. Sie erbeuteten Wasserfässer, Mehl, gepökeltes Fleisch und töteten dabei zwei Händler und einen ihrer Knechte. Als man die Leichen fand, war auf einer der Stirnen mit Kohle ein Zeichen hinterlassen worden: drei Zacken, das Wappenzeichen eines kleinen Goblinclans aus den östlichen Hängen des Drachenrückens.
Die Reaktion kam nur Tage später. Die Bewohner von Lirasfeld, unterstützt von Bauern aus Farnruh, stellten eine kleine Reitertruppe auf. Sie folgten Spuren in den Süden, fanden ein provisorisches Goblinlager in einem Taleinschnitt und brannten es nieder. Drei gefangene Goblins wurden auf dem Dorfplatz öffentlich an einen Baum gebunden. Eine Reaktion des Aschepakts blieb aus – doch es wurde stiller in den folgenden Nächten. Kein Wasser wurde mehr gestohlen. Keine Pfeile mehr in Kadavern gefunden. Keine fremden Spuren im Schnee.
Der Winter jenes Jahres war ungewöhnlich mild. Vielleicht hätte sich in dieser Ruhe ein Waffenstillstand ergeben können, vielleicht sogar erste Gespräche. Doch es kam anders. Die Spannungen blieben, die Erinnerung an die Überfälle ebenso, und auf beiden Seiten wurden die Gräben im Denken tiefer.
In Tereth wurde kurz darauf der Vorschlag eingebracht, die Grenzlinie offiziell zu vermessen und befestigte Steinmarkierungen zu errichten. In Zarakar, das bereits erste Wachbauten plante, wurde die Idee angenommen. Doch vonseiten des Aschepakts kam keine Antwort. Gralmak war zu dieser Zeit schwer erkrankt und seine Nachfolger waren ungeduldigere Männer.
Die Konflikte um Wasser und Jagdgebiete im Jahr 3 vor Ardain wurden rückblickend nicht als Krieg bezeichnet. Kein Heer marschierte, keine Fahnen wurden erhoben. Doch die Ereignisse dieses Jahres markierten den endgültigen Bruch zwischen den Siedlern des Nordens und den Völkern des Südens. Von nun an galten Bäche als Besitz, Tiere als umkämpfte Beute, und jeder Schritt durch das falsche Gestrüpp konnte eine tödliche Konsequenz haben.
Die Grenze zwischen Nord und Süd war ab diesem Jahr nicht mehr nur geographisch – sie war politisch, wirtschaftlich und kulturell. Und sie blieb es über Jahrhunderte hinweg.
Ausbruch der ersten bewaffneten Auseinandersetzungen
Der Winter des Jahres 2 vor Ardain war kurz und trocken gewesen, und als der Frühling kam, trieb er mit überraschender Schnelligkeit das erste Grün über die Ebenen von Melanor. Auf den Feldern von Lirasfeld wuchs junger Weizen, in den Hainen von Farnruh öffneten sich die Knospen der wilden Zypressen, und entlang des Flusses Mera summten wieder die Bienen über den ersten Blütenkranz. Die Menschen im Norden der Insel sahen dieser neuen Jahreszeit mit Hoffnung entgegen.
Doch im Süden, an den rauen Hängen des Drachenrückens, war die Lage eine andere. Die Schneeschmelze war zu schwach gewesen, um die Quellen zu füllen, und viele der Jagdtiere, die einst zwischen den Hügeln lebten, hatten sich entweder weiter nach Norden verzogen oder waren abgeschlachtet worden. Der Hunger war zurückgekehrt, und mit ihm die Unruhe.
In den Nächten hörte man in Zarakar das entfernte Heulen von Wölfen – oder von etwas, das man dafür hielt. Späher berichteten von neuen Spuren, von Lagern, die näher an die menschlichen Siedlungen rückten, und von Pfeilen mit eisenbeschlagenen Spitzen, die in Bäume nahe der Grenze getrieben wurden. Die Goblins hatten aufgehört, sich zu verstecken. Die Orks marschierten in Gruppen, bewaffnet mit Schwertern und Schilden. Die Kobolde trugen Brandsätze, die nach Schwefel rochen.
Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, fiel am neunten Tag des vierten Monats. Eine Gruppe menschlicher Feldarbeiter war damit beschäftigt, die Kanäle nahe Tereth auszubessern, als aus dem nahen Dickicht eine Handvoll Goblins hervorbrach. Die Arbeiter waren unbewaffnet, überrascht und völlig schutzlos. Sie versuchten zu fliehen, doch es war zu spät. Sechs Männer wurden erschlagen, drei verschleppt. Als eine Patrouille aus Farnruh das Gebiet erreichte, fand sie nur blutige Werkzeuge und einen Speer mit schwarzer Feder – das Zeichen des südlichen Eisenklaun-Clans.
Noch am selben Tag wurde in Tereth der Kriegsrat einberufen. Die Dorfältesten, angeführt von der Witwe Mairel von Lirasfeld, forderten eine bewaffnete Antwort. »Dies war kein Überfall auf Vieh, kein nächtlicher Diebstahl. Es war Mord an ehrlichen Leuten auf offenem Feld.« So lauteten ihre Worte, niedergelegt in den Aufzeichnungen des Archivs von Tereth.
Zwei Tage später sammelten sich über siebzig Männer aus vier Siedlungen. Bewaffnet mit Jagdspeeren, einfachen Schwertern und Bögen marschierten sie nach Süden. Ihr Ziel war ein bekanntes Tal, das von den Menschen »Aschenbruch« genannt wurde – ein Engpass zwischen zwei Hügeln, in dem der Goblinclan seine Lager errichtet hatte.
Der Angriff war kurz, aber heftig. Die Goblins hatten Wachtposten, doch die Überfalltruppe kam bei Nacht, unterstützt von drei berittenen Spähern aus Dorlan’s Rast. Innerhalb weniger Stunden brannten die Lager. Zwölf Goblins wurden getötet, mehrere gefangen genommen, darunter auch ein junger Offizier des Clans. Die Menschen zogen sich danach zurück, ohne eigene Verluste, doch mit einer klaren Botschaft: Wer das Land angreift, wird mit Feuer und Stahl empfangen.
Die Reaktion des Aschepakts kam nicht durch Worte, sondern durch Handlungen. In der folgenden Woche wurden zwei Versorgungskarawanen überfallen. Eine Scheune in Zemra ging in Flammen auf. Die Dorfbewohner von Tanmir fanden einen ihrer Brunnen vergiftet – in den Eimern schwammen tote Ratten, mit Kräutern bedeckt, die nur in den Höhlen der Kobolde wuchsen.
In Korallhafen erreichte der erste offizielle Bericht über die Auseinandersetzungen den dortigen Verwaltungssitz. Herzog Rion, der sich zu diesem Zeitpunkt noch mit dem Aufbau der Hafeninfrastruktur beschäftigte, ließ eine Botschaft an die Grafschaften senden: »Verteidigt das Land, aber meidet offene Schlacht. Unsere Ordnung soll wachsen, nicht brennen.«
Doch die Worte des Herzogs erreichten nicht die Felder. In den Dörfern waren es Zorn, Angst und Stolz, die regierten. Männer schmiedeten Klingen, Frauen hängten Glocken an ihre Türen, die beim Öffnen warnten. Kinder wurden in Bogenschießen unterrichtet. Die Stimmung war angespannt, das Vertrauen zwischen den Völkern gebrochen.
Der Aschepakt, der noch vor wenigen Jahren als Fluchtgemeinschaft gegründet worden war, geriet unter Druck. Einige Goblinclans verließen den Pakt ganz, operierten fortan eigenständig. Unter den Orks wuchs die Zahl jener, die Gralmak für zu schwach hielten. Erste Stimmen forderten einen neuen Anführer, einen Kriegsherrn, der den Norden nicht nur fürchtete, sondern erobern wollte.
Auf Seiten der Menschen kam es zu einer langsamen, aber entschlossenen Militarisierung. Tanmir wurde zur Grenzsiedlung erklärt, mit Wall und Tor. Zarakar begann mit dem Bau eines Wachtturms aus Basaltstein. In Tereth wurde der Bau von Vorratsspeichern beschleunigt, um für Belagerungen gewappnet zu sein.
Das Jahr 1 vor Ardain ging als das Jahr in die Geschichte Melanors ein, in dem aus schwelenden Spannungen offener Konflikt wurde. Kein Reich hatte es so gewollt, kein Banner war gehisst worden. Aber das erste Blut war vergossen, und es ließ sich nicht mehr ungeschehen machen.
Die Grenzlinie zwischen den Hügeln des Drachenrückens und den Kornfeldern von Tereth war nun mehr als eine gedachte Linie auf einer Karte. Sie war eine Front, ein Riss durch das Land. Und beide Seiten wussten: Der nächste Frühling würde nicht nur neue Ernte bringen – sondern neue Kämpfe.