An den Hohen Rat von Avarion
Chronik der Ereignisse von Aschenhain, der Wiederherstellung der Siegelapparatur, der Kämpfe gegen die Schatten und der gemeinsamen Vision.
Zur Verwahrung im Archiv des Rates. Aufzeichnung der Ereignisse bei Aschenhain auf Melanor.
Von Aschenhain und den ersten Zeichen
Aschenhain lag abseits der größeren Wege, tief im Wald des östlichen Mereneth. Die kleine ehemalige Köhlersiedlung bestand aus wenigen einfachen Hütten, einer Taverne und einem offenen Platz, an dessen Rand Holzstapel, Werkzeuge und alte Vorräte lagen. Holz, Lehm und Feldsteine prägten die Gebäude. Rauch und Holzkohle hatten die Wände über Jahre dunkel gefärbt. In der Umgebung lagen aufgegebene Meilerplätze, und selbst nach dem Ende der eigentlichen Köhlerei blieb der Geruch verbrannten Holzes in der Siedlung wahrnehmbar.
Die Lage machte Aschenhain zu einem brauchbaren Rastplatz für Reisende, aber zugleich zu einem schlechten Ort für eine schnelle militärische Hilfe. Kronenhall lag mehrere Stunden Fußmarsch entfernt, und auch das nächste größere Feldlager konnte nicht rechtzeitig eingreifen, wenn eine Gefahr unmittelbar auftrat. Die Reisenden mussten deshalb selbst handeln, als die ersten Störungen sichtbar wurden.
Schon vor den offenen Angriffen berichteten Bewohner von rotem Nebel zwischen den Bäumen. Der Nebel trat zunächst in dünnen Schleiern auf und sammelte sich am Boden. Geräusche wirkten darin gedämpft, und Licht reichte weniger weit als gewöhnlich. Später kamen rote Fußspuren, rotes Leuchten, Stimmen und undeutliche Gestalten hinzu. Diese Erscheinungen waren keine körperliche Anwesenheit Asrathenas. Sie entstanden, weil ihr Einfluss durch das beschädigte Bannsystem nach außen drang.
Von der beschädigten Siegelapparatur
Im Mittelpunkt der Ereignisse stand eine alte Siegelapparatur, die zu einem äußeren Bannpunkt gehörte. Dieser Bannpunkt war Teil eines größeren Netzes aus mehreren miteinander verbundenen Stellen. Die Apparatur diente dazu, magische Ströme aufzunehmen, zu ordnen und innerhalb des Netzes kontrolliert weiterzuleiten. Ihre Aufgabe bestand in Wartung, Steuerung und Stabilisierung.
Vor der Ankunft der Reisenden hatten Diener des Dunklen Bundes die Anlage beschädigt. Siegelplatten waren entfernt, Leitstrukturen unterbrochen und die Ordnung des lokalen Bannpunktes gestört worden. Dadurch liefen die ankommenden Kräfte nicht mehr sauber durch die Anlage. Sie wurden zurückgeworfen und erzeugten Resonanzen, die sich über die verbundenen Kristalllinien ausbreiteten.
Der Dunkle Bund verfolgte damit ein weiterreichendes Ziel. Er wollte nicht nur die Apparatur zerstören. Jede starke Reaktion des beschädigten Netzes lieferte Hinweise darauf, wie die tieferen Siegel reagierten. Aus diesen Rückläufen konnten seine Diener Wissen über das verborgene Bannsystem gewinnen und den Druck auf das Gefängnis der roten Königin erhöhen. Das Erwachen der Roten Königin hatte bereits begonnen, doch ihr Leib blieb weiterhin tief unter Melanor gebunden.
Von der Suche nach Wissen und fehlenden Teilen
Die Reparatur war keine einzelne Handbewegung. Zuerst mussten die sichtbaren Schäden erfasst und fehlende Teile bestimmt werden. Die Reisenden untersuchten die Apparatur, verglichen Spuren und suchten nach alten Aufzeichnungen. Die Bibliothek von Aschenhain wurde dabei zu einem wichtigen Ort, weil dort technische Beschreibungen, Abschriften und Hinweise zum Bannnetz erhalten geblieben waren.
Aus den erhaltenen Schriften ging hervor, dass die Apparatur nur dann vollständig arbeiten konnte, wenn ihre Siegelplatten eingesetzt und die vorgesehenen Steuerelemente richtig verwendet wurden. Stäbe bestimmten die grundlegende Funktion, Kristalle veränderten diese Funktion, und die jeweilige Position bestimmte, auf welchen Teil des Systems die Wirkung gerichtet wurde. Die Reisenden mussten diese Zusammenhänge aus mehreren Quellen zusammensetzen. Keine einzelne Inschrift und keine einzelne magische Untersuchung lieferte die vollständige Lösung.
Ein Teil der fehlenden Komponenten musste außerhalb der Siedlung gesucht oder aus fremdem Besitz zurückgewonnen werden. Dafür standen unterschiedliche Wege offen. Ein benötigter Gegenstand befand sich bei einem Spinnenvolk und konnte nur nach einer Auseinandersetzung mit dessen Regeln und Ansprüchen geborgen werden. Waldwesen verwahrten einen weiteren Gegenstand hinter einem Klangrätsel, bei dem Reihenfolge und Zuordnung ihrer klingenden Armbänder verstanden werden mussten. Andere Wesen machten den Besitz eines Gegenstands zum Gegenstand eines Kampfspiels, bei dem die Reisenden ein bestimmtes Objekt behaupten oder zurückerobern mussten.
Weitere Spuren führten an ein Gewässer, wo Wassergeister durch ein fremdes Teil der Apparatur gestört wurden, und auf einen alten Pfad, dessen Verlauf nicht durch gewöhnliche Wegzeichen, sondern durch Gerüche oder Klänge verfolgt werden konnte. Diese Wege dienten nicht nur der Beschaffung. Sie zwangen die Reisenden dazu, mit unterschiedlichen Wesen zu verhandeln, zu suchen, zu bauen, zu kämpfen und gefundene Gegenstände anschließend auf ihre tatsächliche Funktion zu prüfen.
Von den Schatten und dem verborgenen Feind
Während die Reisenden nach Teilen und Wissen suchten, nahm der Druck auf Aschenhain zu. Schattenwesen und dämonische Diener des Geistes der roten Königin nutzten Dunkelheit und Unruhe, um die Arbeiten zu stören. Die Angriffe standen in direktem Zusammenhang mit der beschädigten Bannstruktur. Je länger die Rückläufe anhielten, desto leichter konnte der Einfluss der roten Königin an diesem Ort wahrgenommen werden.
Die Reisenden konnten die wiederholten Kämpfe gegen die Schatten für sich entscheiden. Sie verhinderten, dass die Angreifer den Ort beherrschten oder die Arbeiten an der Apparatur vollständig zum Erliegen brachten. Die Siege beseitigten die Bedrohung jedoch nicht. Sie verschafften Zeit, in der weiter gesucht, entschlüsselt und repariert werden konnte.
Dabei blieb ein entscheidender Zusammenhang unentdeckt.
Von der Wiederherstellung der Maschine
Schließlich gelang es den Reisenden, genügend fehlende Teile wiederzubeschaffen und die beschädigten Bereiche der Siegelapparatur instand zu setzen. Siegelplatten wurden eingesetzt, Leitwege geschlossen und die für den Betrieb notwendigen Elemente wieder an ihren Platz gebracht. Damit war die Anlage wieder funktionsfähig. Die Reparatur beseitigte die zuvor offenen Unterbrechungen, durch die magische Kräfte unkontrolliert in die verbundenen Linien zurückgeschlagen waren.
Die Wiederherstellung der Apparatur bedeutete keinen endgültigen Sieg. Ihr Erwachen war bereits in Gang gesetzt worden und konnte durch die Handlungen an diesem einen Bannpunkt nicht vollständig beendet werden. Die Reparatur nahm dem Dunklen Bund jedoch einen Teil der nutzbaren Möglichkeiten und stabilisierte den örtlichen Abschnitt des Netzes so weit, dass der unmittelbare Zusammenbruch verhindert wurde.
Von der letzten Schlacht
Als die Arbeiten ihren Abschluss erreichten, richteten die dunklen Kräfte einen letzten schweren Angriff gegen die Reisenden. Schattenwesen und mächtige Dämonen drängten gegen die Verteidiger und versuchten, sie von der Apparatur zu trennen. Die Reisenden mussten gleichzeitig den Ort halten, Verwundete aus der unmittelbaren Kampfzone bringen und verhindern, dass die wiederhergestellte Anlage erneut gestört wurde.
Der Kampf brachte die Verteidiger an die Grenze ihrer Kräfte. Viele Reisende wurden verwundet, und zeitweise bestand die unmittelbare Gefahr, dass die Linie zusammenbrach. Einzelne Gruppen mussten zurückweichen, andere schlossen die entstandenen Lücken. Die dunklen Kräfte kamen der Apparatur nahe genug, dass eine Niederlage nicht mehr ausgeschlossen werden konnte.
Trotz dieser Lage hielten die Reisenden stand. Sie konnten die Angreifer schließlich zurückdrängen und verhinderten, dass die dunklen Kräfte die Kontrolle über den Bannpunkt gewannen. Der Sieg war knapp und hinterließ zahlreiche Verwundete, doch die Apparatur blieb in den Händen der Reisenden und ihrer Verbündeten.
Von der gemeinsamen Vision
Die Vision begann auf Melanor. Bewohner fanden verdorbene Erde und leere Gefäße, während Magier und Priester vergeblich versuchten, Boden und Wasser zu reinigen. Soldaten versuchten, die Bevölkerung in Sicherheit zu bringen. Rote Fußspuren erschienen, Schattenwesen und Kultisten griffen an, und schließlich trat die rote Königin sichtbar hervor. Die Verteidiger konnten die Angriffe nicht dauerhaft halten, und Melanor geriet unter ihre Herrschaft.
Danach zeigte die Vision Angehörige des Avarionischen Rates und seiner Wacht. Gelehrte sprachen zum ersten Mal den wahren gefundenen Namen der roten Königin offen aus: „Asrathena“. Morwen der Verfluchte wurde als ihr Vater genannt, Seraphina die Schwarze Flamme als ihre Mutter. Asrathena bestätigte ihre Herkunft und griff die Verteidiger an. Schattenwesen, Dämonen und Kultisten brachen die Schutzlinie, und der Widerstand des Rates wurde überwunden.
Die Wahrnehmung wechselte anschließend nach Vandor zum Turm der Stille. Dort hielt die Flammengarde die Siegel um Morwens Gefängnis. Asrathena ließ ihre Diener angreifen. Die Garde schloss ihre Reihen und drängte die erste Welle zurück, wurde danach jedoch von Dämonen und Schattenwesen auseinandergerissen. Der Hauptmann fiel als Letzter an der geöffneten Linie, und Asrathena erreichte das Siegel.
Asrathena brach die Bindung und befreite Morwen. Der Verfluchte erwartete, dass seine Tochter gemeinsam mit ihm unter seinem Banner über Londaria herrschen würde. Sie verweigerte ihm die Gefolgschaft. In der Vision erklärte sie, dass sie Seraphina bereits Feuer und Schatten genommen hatte. Danach band sie Morwen, entzog ihm die Macht über die Toten und tötete ihn. Mit dieser Macht erhoben sich die gefallenen Wesen Melanors und Vandors als Untote und stellten sich hinter die Rote Königin.
Das Gezeigte war keine bereits feststehende Wirklichkeit. Als die Vision ihren Höhepunkt erreichte, wurde den Reisenden ausdrücklich vor Augen geführt, dass die Siegel noch gestärkt und die dargestellte Zukunft verhindert werden konnte.
Asrathena blieb am Ende der tatsächlichen Ereignisse weiterhin gebunden. Morwen trug weiterhin seine Ketten, und der Turm der Stille stand. Die Vision zeigte, was geschehen kann, wenn die kommenden Schritte scheitern.
Schlussvermerk
Die Reisenden verließen die Ereignisse von Aschenhain mit einem greifbaren Erfolg und einer offenen Gefahr. Sie hatten die beschädigte Maschine repariert, die Angriffe der Schatten zurückgeschlagen und in der letzten Schlacht einen beinahe verlorenen Kampf noch zu ihren Gunsten gewendet.
Die gemeinsame Vision machte zugleich deutlich, dass Aschenhain nur ein Abschnitt eines größeren Konflikts war. Die Rote Königin war noch nicht frei, doch ihr Einfluss reichte bereits durch die geschwächten Fesseln. Was die Reisenden gesehen hatten, war eine mögliche Zukunft. Ihr Handeln wird die weitere Zukunft bestimmen.
So verzeichnet und dem Rat von Avarion zur Verwahrung übergeben.