An den Hohen Rat von Avarion
Aufzeichnung über die fremden Reisenden, das Fest der Schatten und den Entscheid um den Standplatz der Wahlmaschine.
Dem Rat zur Kenntnis, zur Verwahrung im Archiv und als Zeugnis der jüngsten Vorgänge vorgelegt.
Vom Anlass dieser Aufzeichnung
Diese Aufzeichnung fasst jene Vorgänge zusammen, die mit der Ankunft einer Gruppe fremder Reisender in Londaria begannen und während des Festes der Schatten zu einer Entscheidung von politischem Gewicht führten. Festgehalten werden der Weg der Reisenden bis an die Küsten des Reiches, ihre Aufnahme nach dem Verlust ihres Schiffes, ihre Beteiligung an den Wettstreiten der Fraktionen und der Ausgang, durch den die Fraktion der Gerechtigkeit das Recht erlangte, den Platz für die Aufstellung der Wahlmaschine zu bestimmen.
Von der Ankunft der Reisenden
Die Fremden kamen nicht als Abgesandte eines bekannten Hofes und auch nicht im Auftrag einer londarianischen Stelle. Ihren eigenen Angaben und den zuvor verbreiteten Erzählungen zufolge waren Berichte über ein unbekanntes Gebiet östlich der wilden Lande Beradirs der Anlass ihrer Reise. Sie durchquerten Regionen, für die ihnen weder verlässliche Karten noch schriftliche Wegbeschreibungen zur Verfügung standen, und erreichten nach längerer Reise einen Bergkamm am Rand eines gewaltigen Kraters.
Von dieser Höhe aus sahen sie unter sich ein ausgedehntes Binnenmeer. Über dem Wasser lagen in größerer Entfernung Nebel und Berge. Nach dem Abstieg gelangten die Reisenden zu einer kleinen Hafenstadt am Rand des Sees. Dort hörten sie erstmals den Namen Londaria. Die Bewohner berichteten von einem Inselreich im Inneren des Binnenmeeres, zu dem sie selbst nur geringe unmittelbare Beziehungen unterhielten. Der Handel mit Londaria erfolgte nach ihren Aussagen vor allem zwischen Schiffen auf dem Wasser.
Die Reisenden schlossen sich einer Überfahrt an. Zwei Tage nach dem Auslaufen geriet ihr Schiff in einen schweren Sturm. Große Seeschlangen wurden nahe dem Schiff gesehen. Schließlich brach der Hauptmast und schlug in den Schiffskörper. Das Schiff war danach nicht mehr sicher zu halten. Besatzung und Reisende verließen es und wechselten in Ruderboote. Damit endete die geordnete Fahrt nach Londaria.
Als die Fremden wieder zu sich kamen, lagen sie in vorbereiteten Betten. Frische Kleidung war für sie bereitgelegt worden, und ein Teil ihres geretteten Besitzes befand sich bei ihnen. Noch während sie sich von der Überfahrt erholten, erklang der Ruf, dass sich die Ratsmitglieder versammeln sollten und das Fest der Schatten beginne. Auf diese Weise gerieten die Schiffbrüchigen unmittelbar in die Ereignisse, die zu diesem Zeitpunkt im Reich stattfanden.
Von ihrer Stellung beim Fest der Schatten
Die Reisenden wurden während des Festes nicht lediglich als gerettete Gäste behandelt. Ihnen stand offen, für die beteiligten Fraktionen in den angesetzten Wettstreiten anzutreten. Sie konnten mit den Abgesandten der Fraktionen sprechen, Kenntnisse über Londaria sammeln und am Abend das Casino aufsuchen. Dadurch erhielten die Fraktionen zugleich Gelegenheit, die Fremden aus nächster Nähe zu beobachten.
Die Wettstreite erfüllten zwei Aufgaben. Zum einen wurden in den einzelnen Prüfungen Sieger bestimmt und Punkte für die jeweilige Fraktion vergeben. Zum anderen konnten die Abgesandten erkennen, welche Reisenden sich durch Geschick, Kampfvermögen, Redegewandtheit, Beobachtungsgabe, taktisches Denken oder Zusammenarbeit hervortaten. Nach Abschluss der Prüfungen bot ein gemeinsamer Abend Raum für Gespräche, Bündnisse und mögliche Anwerbungen.
Vom Maß der Wertung
Für die Wertung galt ein festes Maß. Der Sieger einer Prüfung brachte seiner Fraktion drei Punkte ein. Der Zweitplatzierte erhielt zwei Punkte, der Drittplatzierte einen Punkt. Die Summe der errungenen Punkte entschied darüber, welche Fraktion aus den Wettstreiten den größten Vorteil zog. Die Prüfungen waren so angelegt, dass nicht allein die Stärke mit der Waffe über den Ausgang entscheiden konnte.
Von den ausgetragenen Prüfungen
Im Redewettstreit wurde die Fähigkeit geprüft, unter Zeitdruck zu sprechen und auf die Worte anderer zu reagieren. Die Teilnehmer erzählten gemeinsam eine Geschichte, wobei jeder nur einen einzelnen Satz beisteuern durfte. Innerhalb der gesetzten Zeit gewann, wer zuletzt einen gültigen Beitrag geben konnte.
Beim Flaggenwettstreit standen Bewegung, Taktik und Zusammenarbeit im Vordergrund. Die Aufgabe war auf die drei Fraktionen ausgerichtet. Bemerkenswert ist, dass eine friedliche Lösung durch Verhandlung ausdrücklich als gültiger Weg anerkannt wurde. Damit konnten die Reisenden den Wettstreit auch ohne unmittelbaren Kampf für ihre Seite entscheiden.
Weitere Prüfungen umfassten Kampf und Zielgenauigkeit. Vorgesehen waren Wettkämpfe mit Schwert und Schild, Bogenschießen und Messerwerfen. Bei größerer Zahl an Teilnehmern konnten Vorrunden oder ein Turnier abgehalten werden, damit die Besten der jeweiligen Disziplin gegeneinander antraten.
Der Geschicklichkeitsparcours verlangte gemeinsame Arbeit in kleinen Gruppen. Zu den vorgesehenen Aufgaben gehörten das Knüpfen von Knoten, das Führen eines zeitweise blinden Gefährten nach Zuruf und das Befördern von Wasser über Hindernisse. Der Erfolg hing dabei nicht allein von Schnelligkeit ab, sondern auch davon, ob die Beteiligten ihre Aufgaben untereinander abstimmen konnten.
Im sogenannten Mörderspiel erhielten einzelne Beteiligte verdeckte Rollen. Abhängig von der Zahl der Teilnehmer wurden ein bis drei Mörder bestimmt. Diese mussten ihre Opfer durch eine zuvor vereinbarte Geste oder einen festgelegten Satz aus dem Spiel nehmen, ohne dabei entdeckt zu werden. Die übrigen Beteiligten konnten nach Ablauf der Spielzeit Verdächtige benennen. Ernsthafte Verletzungen waren ausdrücklich kein Bestandteil dieses Spiels und hätten außerhalb seiner Regeln gestanden.
Eine Beobachtungsprüfung verlangte, ein Bild für begrenzte Zeit genau zu betrachten. Danach mussten die Reisenden auf dem Turnierplatz eine weitere Aufgabe erfüllen und zugleich Fragen zu Einzelheiten beantworten, die sie zuvor gesehen hatten. Brettspiele wie Mühle, Dame oder Schach prüften Planung, Geduld und taktisches Denken. Ergänzend wurden Schätzspiele durchgeführt, bei denen Mengen, Gewichte oder Entfernungen ohne unmittelbare Messmittel bestimmt werden mussten.
Zur Vermittlung von Wissen war außerdem eine Geschichtsstunde über Londaria vorgesehen. Ebenso war eine Erläuterung oder Prüfung zur Magietheorie vermerkt, ohne dass für diesen Punkt ein genauer Ablauf überliefert ist. Bei einem Malwettbewerb konnten die Reisenden Bilder anfertigen, deren Gestaltung anschließend bewertet wurde.
In den vorbereitenden Aufzeichnungen erscheinen darüber hinaus ein Elementarticker, eine bereits früher verwendete Schnitzeljagd und magische Schutzamulette. Für diese Punkte ist kein vollständiger Ablauf festgehalten. Sie werden daher in dieser Aufzeichnung nicht als entscheidender Bestandteil der Endwertung behandelt.
Von der Bedeutung der Wettstreite für die Fraktionen
Die Wettstreite dienten den drei Fraktionen als öffentliches Auswahlverfahren. Während die Reisenden um Punkte und Siege rangen, konnten die Abgesandten erkennen, wer unter Druck überlegt handelte, wer in einer Gruppe verlässlich blieb, wer durch Worte Einfluss gewann und wer sich in einer offenen Auseinandersetzung behauptete. Damit erhielten die Ergebnisse eine Bedeutung, die über den einzelnen Wettkampf hinausging.
Nach dem Ende der Prüfungen verlagerten sich die Begegnungen in das Casino. Dort trafen Vertreter der Fraktionen und Reisende ohne die unmittelbaren Regeln der Wettkämpfe aufeinander. Gespräche über Zusammenarbeit, mögliche Bündnisse und eine spätere Zugehörigkeit zu einer Fraktion konnten dort geführt werden. Die öffentliche Prüfung wurde auf diese Weise durch politische Gespräche ergänzt.
Vom Ausgang des Festes
Am Ende des Festes stand fest, dass die Fraktion der Gerechtigkeit das für die folgende Entscheidung maßgebliche Recht errungen hatte. Ihr wurde das Recht zugesprochen, jenen Platz zu bestimmen, an dem die Wahlmaschine aufgestellt werden soll. Dieses Ergebnis bildet den politischen Abschluss der hier beschriebenen Ereignisse.
Das errungene Recht betrifft ausdrücklich die Wahl des Standortes. Aus dem Verlauf des Festes ergibt sich keine weitergehende Befugnis über Betrieb, Kontrolle oder Auswertung der Wahlmaschine. Solche Rechte sind in den überlieferten Festlegungen zu diesen Ereignissen nicht genannt und werden deshalb in dieser Aufzeichnung nicht hinzugefügt.
So verzeichnet und dem Rat von Avarion zur Verwahrung übergeben.